Fotografie: Das Merseburger Schloss in der Dämmerung mit warm erleuchteten Fenstern.
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Wenn Merseburg die Lichter zählt

Wenn Merseburg leiser wird, drehen Schlossgeist Boo, Rabe Corvus und Rabe Nigellus ihre letzte Runde.

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Nachts in Merseburg zu Hause

Wenn Merseburg leiser wird, sind Schlossgeist Boo, Rabe Corvus und Rabe Nigellus noch unterwegs. Merseburg ist ihr Zuhause. Sie kennen die Wege und Plätze, die Dächer und alten Mauern – und vermutlich auch ein paar Winkel, an denen andere längst vorbeigegangen wären.

Das Schloss und den Dom sowieso. Den Schlossgarten und den Schlossgartensalon, das Kloster, die Wasserkunst, das Zech’sche Palais und das Ständehaus. Die Neumarktkirche, das Rathaus – und sooo viele weitere Orte ihrer Stadt.

Wenn am Abend die letzten Schritte auf dem Pflaster verklingen, sich das Licht der Laternen in der Saale spiegelt und hinter immer mehr Fenstern Ruhe einkehrt, sieht ihre Stadt plötzlich ein kleines bisschen anders aus. Nicht fremd und nicht erfunden – nur stiller, wärmer und vielleicht ein wenig traumhafter.

Dann ziehen die drei weiter durch ihr Merseburg. Corvus und Nigellus nehmen noch einmal die Dächer in Augenschein, während Boo mit Laterne und Schlüsselbund seinen Weg nimmt. Und natürlich entgeht ihnen auch nicht, wo ihre Stadt noch ein bisschen schöner werden könnte.

Manchmal genügt ein Blick zwischen den dreien.

„Hier könnte man doch eigentlich …“

Aber das ist eine andere Geschichte.

Fotografie: Beleuchtete Treppe am Wasser in Merseburg im Abendlicht.
Fotografie: Panorama eines nächtlich beleuchteten historischen Innenhofs in Merseburg.

Boo, Corvus und Nigellus

Illustration: Schlossgeist Boo mit roter Kappe, Sonnenbrille, Laterne und Schlüsselbund.

Schlossgeist Boo

Mit Laterne und Schlüsselbund zieht Boo durch die Nacht. Ein stiller Begleiter, der ein wenig Licht mitnimmt, wenn ringsum die Fenster dunkel werden. Er spricht davon, schon seit 1650 hier in Merseburg zu sein. Die Raben kennt er sehr genau – und vermutlich sind sie seine allerbesten Kumpels.

Seit 1650? So erzählt es Boo. Nachprüfen lässt sich das nicht.

Illustration: Die Raben Corvus und Nigellus mit Schals und Namensschildern.

Corvus & Nigellus

Zwei Raben, die die letzte Runde begleiten. Noch ein Flügelschlag über den Dächern, noch ein Blick in die Nacht. Dann darf auch ihr Tag zu Ende gehen.

Ob die beiden aus der Merseburger Rabensage stammen? Vielleicht. Sie selbst lassen das gern offen.

Seit 1650, sagt Boo

„Seit 1650 bin ich hier“, sagt Boo und hebt seine Laterne ein wenig höher.

Corvus und Nigellus wechseln einen Blick. „Seit 1650“, wiederholt Corvus langsam. „Raben gab es in Merseburg schon lange davor“, meint Nigellus.

Und weil die Nacht noch jung ist, erzählen die beiden ausnahmsweise einmal Boo etwas: von alten Merseburger Geschichten, von der Rabensage – wie viel sie selbst darüber wissen, verraten sie nicht.

Heutige künstlerische Erzählung, keine historische Darstellung.

Wenn Merseburg die Lichter zählt

Die Nachtrunde im Schlossbereich

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Die Merseburger Zaubersprüche

Merseburg bewahrt zwei außergewöhnliche Texte in althochdeutscher Sprache. Die Merseburger Zaubersprüche wurden im 10. Jahrhundert niedergeschrieben und 1841 in der Bibliothek des Merseburger Domstifts wiederentdeckt. Sie überliefern vorchristliche Beschwörungsformeln und geben zugleich einen seltenen Einblick in Sprache, Vorstellungswelt und Überlieferung einer weit zurückliegenden Zeit.

Der erste Spruch handelt vom Lösen von Fesseln und der Befreiung eines Gefangenen. Der zweite richtet sich auf Heilung: Ein verletzter Pferdefuß soll wieder zusammengefügt werden. Wiederholung, Rhythmus und die Kraft des gesprochenen Wortes prägen beide Texte.

Gerade deshalb stehen die beiden Sprüche bis heute für weit mehr als ihren ursprünglichen Zweck. Sie gehören zu den bedeutendsten sprach- und kulturgeschichtlichen Zeugnissen Merseburgs.

Und wenn eine Stadt zwei so alte Sprüche bewahrt – dürfen Boo, Corvus und Nigellus dann nicht wenigstens darüber nachdenken, was ein Spruch für ihr Merseburg von heute sagen könnte?

Der dritte Spruch für Merseburg

Heutiger Text dieser Gute-Nacht-Welt – kein historischer Merseburger Zauberspruch und kein historischer Fund.

Der dritte Spruch für Merseburg in historisierend gesetzter, gotisch anmutender Schrift.

Menschenrecht hier und jetzt,
es wirke fern und nah.
Klage schweige, damit Recht geschehe,
handel klar, wie es der Ehre entspricht.
Wer das Rechte tut und mich dabei achtet,
der wahrt Leben, Leid und Pfad.

Heutige deutsche Fassung

Corvus und Nigellus lesen Boo den Spruch vor. Boo lauscht, dann runzelt er die Stirn: „Das ist doch kein Zauberspruch.“

„Hat auch niemand behauptet“, sagt Corvus. „Vielleicht braucht Merseburg heute einfach einen anderen Spruch“, sagt Nigellus.

Fotografie: Historischer Innenhof in Merseburg bei Dämmerung.

Gute Nacht, Merseburg.

Die Fotografien zeigen reale Aufnahmen aus Merseburg. Die Figuren und erzählerischen Szenen sind künstlerische Erzählung und enthalten keine historischen oder amtlichen Aussagen, sofern nicht ausdrücklich als historische Information gekennzeichnet.